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Zeichnen Basic #49: Der Blick von oben

Lektion 49 Modul 10

Wochentraining "Zeichnen Basic"

Lektionen 46-52 Am Anfang war ein Kopf! Hinführung zum Portrait!

Lektion 49:  Der Blick von oben

Willkommen zur neunundvierzigsten Lektion des Basiskurses „Zeichnen“

Materialliste

  • 1 glattes Zeichenpapier DinA3
  • Bleistifte
  • Portraitfoto dieser Übung (s.u.)

Setzen wir unseren kleinen Schnupperkurs Portrait fort. Wieder geht es um einen ganzen Kopf. Dieses Mal ist es allerdings der Blick von oben auf den Kopf.

Portrait hört sich erst einmal gar nicht s schwer an, denn was muss ich eigentlich wirklich lernen? Kann ich ein Auge zeichnen, einen Mund, eine Nase und ein Ohr, habe ich doch eigentlich alle Bestandteile, die ich brauche. Weit gefehlt, denn wie bereits vorher erläutert, gibt es noch die Haare, die Bereiche zwischen den Sinnesorganen, die Form des Gesichtes und Kopfes, Der Halsansatz und der Hals und auch die Plastizität eines Kopfes in Gänze und auch in jedem Detail.

Und wenn man das Gefühl hat, naja, dann lerne ich das eben auch noch, kommt das nächste „Problem“ hinzu. Jeder Mensch ist anders! Keiner sieht aus wie der andere. Man muss immer wieder neu schauen und erforschen.

Außerdem kann ein Gesicht, das gesamte, sprechen, lachen, weinen, melancholisch sein, glücklich, aufmerksam, eifrig, stechend, grinsend usw. Jede Emotionalität, jeder Ausdruck verändert ein Gesicht wieder, Die Form der Sinnesorgane, immer wieder neue Falten und Fältchen, plötzlich hat der Mund auch noch Zähne und die Augen werden zu Schlitzen.

Und dann muss man einem Gesicht auch nicht immer frontal gegenüber sitzen. Wir können einen Kopf aus allen möglichen Perspektiven betrachten. Auch das bringt wieder unendlich viele Variationen in den Themenkomplex „Portrait“, ganz abgesehen von Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe und der Ähnlichkeit, wenn es um ganz konkrete Personen geht.

So groß das Thema ist, so wunderbar ist es auch, so intensiv und schön ist es, weil Du dem Menschen im Allgemeinen und den Menschen insgesamt immer näher und näher kommst. Sie werden Dir immer und immer vertrauter!

Unser heutiges Thema ist wieder ein komplettes Portrait, aber mit angeschnittenem Kopf, hochgezogenem Schulteransatz und einem geneigten Kopf.

Also schauen wir leicht von oben auf den Kopf:

Nimm Dir das Foto der Übung zur Hand und lass es uns einmal im Vorfeld in Gänze durchgehen.

Portrait

Das Haar hat eine sehr konkrete Form. Diese ist oben sehr stark angeschnitten und links ein bisschen, sie ist rechts recht klar begrenzt und nach unten öffnet sie sich ein bisschen. Damit solche Zusammenhänge funktionieren, sollte Dein Blatt exakt dieselben Seitenverhältnisse aufweisen, wie das Foto. Wir wollen dieses Thema des Umrechnens aber heute nicht vertiefen. Fang später bei der Skizze einfach oben an und schau wie weit Du nach unten kommst. Wenn unten nicht alles drauf passt oder Du für Dein Blatt zu wenig Motiv hast, ist das auch in Ordnung.

Nach dem Haar kommt der eigentliche Kopf. Dieser ist nach vorn geneigt. Das bedeutet, Du schaust recht stark auf die Stirn. Der Augen-Brauen-Bereich wird sehr klein. Hinzu kommt, dass die Augen geschlossen sind. Die exakte Form der Augenlinien und der Brauenlinien ist hier sehr wichtig.

Die Nase siehst Du in der vollen Länge, weil Du direkt dagegen schaust, allerdings siehst Du nicht die Nasenlöcher, sondern Du schaust von oben gegen die Nasenspitze. Daher rührt die starke Rundung unten an der Nase.

Der Abstand zwischen Mund und Nase ist minimal. Im Übrigen ist das Gesicht leicht nach links gedreht. Daher siehst Du von der linken Seite des Gesichtes wesentlich weniger als von der rechten Seite. Wenn Du unter diesem Aspekt noch einmal Mund und Nase betrachtest, dann haben Mund und Nase nach links in etwa dieselbe Ausdehnung, sie liegen also auf einer Höhe. Auf der rechten Seite ist der Mund wesentlich länger. Er geht weit über den Nasenflügel hinaus.

Der Abstand Unterlippe-Kinn ist ebenso minimal. Die Oberlippe wird aus dieser Perspektive sehr schmal, die Unterlippe bleibt voll.

Die linke Gesichtshälfte ist wesentlich schmaler als die rechte.

Die Ohren fallen in diesem Fall fast weg, dafür gibt es noch eine andere sehr markante Besonderheit: Die Schulterhöhe. Diese ist fast auf Augenhöhe. Am besten ist es, wenn Du, sobald der Kopf gezeichnet ist, Dir das Shirt vornimmst, die Form desselben und dann hast Du es eigentlich schon geschafft.

Nimm Dir einfach vor, Objekte in etwa so genau zu betrachten, bevor Du anfängst zu zeichnen. Ein Objekt, das Du bereits kennst, fließt besser, es lässt sich leichter darstellen.

Und nun kommen wir zum praktischen Part!

Schritt 1 Eine Skizze von oben nach unten

Der erste Part unserer heutigen Skizze ist sicherlich der schwierigste. Uns geht es gerade in dieser Lern- und Übungsphase um Realität und Genauigkeit. Bei dem Menschen müssen wir da generell etwas mehr hinschauen, als bei vielen anderen Themen. Die erste Skizze des Portraits soll auf jeden Fall sehr exakt sein.

Oft stellt man sich an diesem Punkt die Frage, wo fange ich überhaupt an? Wir probieren innerhalb unseres Blocks einfach verschiedene Wege aus. Deshalb gebe ich Dir auch jetzt eine klare Reihenfolge vor!

  • Starte mit den Haaren. Betrachte sie erstmal nur als Fläche, die Du konturierst. Zeichne keine einzelnen Haare. Beachte besonders die Bereiche, wo die Haare die Ränder des Blattes anschneiden. Das Verhältnis der angeschnittenen Haare links zu den angeschnittenen Haaren oben sowie zum Freien Rand oben sollte unbedingt identisch zur Vorlage sein. Die Haare sind Deine feste Größe, an der Du alles andere orientierst.
  • Nun zeichne die Brauen! Links siehst Du etwas Stirnkontur. Diese Linie geht in die linke Braue über. Ziehe die Linie der Braue weiter bis zur nächsten Braue. Hier gibt es einen Richtungswechsel leicht nach rechts oben weiter bis zu den Haaren. Konturiere die Brauen und zeichne anschließend die Augen. Da die Augen geschlossen sind, geht es eher um die Wimpernlinie. Hier achte insbesondere auf die Länge der Wimpernlinien zur Länge der Brauenlinien!!
  • Zeichne die Nase! Wie lang ist sie? Ist sie womöglich so lang wie die rechte Braue? Falls dem so ist, orientiere Dich mit der Länge der Nase an der rechten Braue. Beides sollte eine identische Länge haben. Zeichne die untere Nasenlinie. Die Ausdehnung der Nase nach links oder rechts setze zu den Augen in Bezug. Ziehe gedanklich jeweils an den äußersten seitlichen Punkten der Nase eine senkrechte Linie nach oben. Wo triffst Du jeweils auf die Augen. Das sollte Dein Orientierungspunkt sein.
  • So wie Du die Nase zu den Augen in Bezug gesetzt hast, so setze den Mund zur Nase in Bezug, die Ausdehnung des Mundes nach rechts und links, der Abstand des Mundes zur Nase (auf beiden Seiten unterschiedlich!) und die Form der Mundlinie, also die Linie zwischen Ober- und Unterlippe.- Zeichne das Kinn! Achte auf die Abstände des Kinns zur Unterlippe. Mache so weiter, wenn es um die exakte linke Gesichtslinie geht (Wo an der linken Braue beginnt sie genau? Dann er Abstand zum linken Auge, zur Nase, zum Mund. Dann kommt die rechte Gesichtslinie. Hier sind die Abstände zu den Sinnesorganen größer.
  • Zeichne die Schultern und beachte: Sie befinden sich fast auf Augenhöhe! Schließe die Skizze mit Hemd und Arm!
  • Wenn Deine Vorskizze soweit abgeschlossen ist, kontrolliere sie noch einmal und korrigiere ggf. das eine oder andere.

Danach geht es weiter mit Schritt 2 und den ersten Schraffuren.


Schritt 2 Das wilde dunkle Haar

Schraffiere das Haar komplett sehr dunkel mit einem weichen Bleistift. Folge der Richtung der Haare, breche oft aus. Es kann gerne sehr viel zauseliger und wilder aussehen, nahezu extrem ungekämmt.


Schritt 3 Das restliche Gesicht

Nun schraffiere das komplette Gesicht durch, um es plastisch zu machen. Dazu ein paar Hinweise:

  • Starte mit den dunklen Partien und schraffiere diese sehr dunkel.
  • Schraffiere das Gesicht von oben nach unten durch
  • Achte darauf, dass nicht nur die Sinnesorgane, sondern auch einige Hautpartien sehr dunkel sind. Gehe sehr extrem in die Flächenschraffur.
  • Und niemals vergessen: Verläufe von hell nach dunkel oder umgekehrt machen plastisch.

Schritt 4 Die restlichen Hautpartien

Schraffiere die restlichen Hautpartien (Brust und Arm) genauso massiv, wie auch das Gesicht. So kommt die Form des Hemdes sehr stark herausund Du musst im Hemd selbst gar nicht so viel machen.


Schritt 5 Das helle Hemd

Schraffiere das helle Hemd mit einem eher harten Bleistift (je nach Papier H bis HB) und arbeite es ebenso wie das Gesicht komplett durch. Achte aber darauf, dass es sehr sehr hell bleibt.


„What you see is what you see.“

Frank Stella

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Wie ist es für Dich? Ist es eher schwer? Eine pure Konzentrationssache? Macht es Spaß? Bereitet es Freude?

Portrait ist meistens – gerade zu Beginn – eine Mischung zwischen totaler Forderung und Spaß. Eine Birne ist leichter!

Stephan Geisler

Reflektion

1. Hast Du die vorgeschlagenen Bezüge gut anwenden können, um zu den richtigen Proportionen zu kommen? Oder fällt Dir das noch sehr schwer? Versuche Dich daran zu gewöhnen. Es ist so wichtig, um zu den richtigen Proportionen zu gelangen. Wahrnehmung will einfach trainiert werden.

2. Hat die Schraffur des Gesichtes funktioniert oder war es eher schwer? Was ist Dir in diesem leicht gefallen und was hat Dir konkret Probleme bereitet? Meistens ist es sinnvoll, Dinge, die noch nicht so leicht von der Hand gehen, separat und oft zu trainieren.

3. Sind die Haare wirklich wild geworden? Was macht das mit der Zeichnung?

4. Ist Dein schraffiertes Hemd wirklich sichtbar sehr viel heller als die Haut? Was glaubst Du, warum ich darauf so viel Wert gelegt habe?

Habe eine so richtig wunderbare „Schau-mir-in-die-Augen-Kleines“-Woche! Genieße sie!

Dein HOWDOYOUKUNST-Team

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