Horst Janssen – Besprechung einer Zeichnung

Horst Janssen – Besprechung einer Zeichnung

Wenn ich in meinen Seminaren Bilder bespreche, beispielsweise eine Zeichnung von Horst Janssen, taucht ganz schnell immer wieder die eine Frage auf: „Hat der sich das alles so gedacht beim Zeichnen?“ Da kann ich immer wieder nur rasch antworten: „Selbstverständlich nicht!“ Natürlich ist so eine Aussage zuerst einmal pure Spekulation, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie solche Phasen des aktiven Zeichnens ablaufen.

Man fängt mit einer Vorzeichnung an, kommt step-by-step immer ein Stückchen weiter voran.

Natürlich ist das erste Ziel im Stile eines Horst Janssen die Wiedergabe der Realität. Das ist in der Regel keine fotorealistische Abbildung, sondern es ist ein kreatives Arbeiten mit der Realität. Sie ist erkennbar aber durchaus mit einigen „Raffinessen“ versehen, einiger Verfremdung und einer aktiven Führung durch das Bild.

Viele Entscheidungen passieren absolut spontan. Das bedeutet aber nicht „zufällig“. Denn am Ende haben sich nach vielen vielen Jahren und Jahrzehnten des aktiven Zeichnens bereits so viele Entscheidungen, so viel Wissen im Unterbewusstsein manifestiert, dass der Zeichner an sich nicht nur davon zehren, sondern sie unbewusst als komplexe Bausteine abrufen kann.

Janssens Zeichnungen sind also alles andere als zufällig!

Aber schauen wir uns doch eine Zeichnung des Herrn Janssen einmal ganz konkret an:

„Jürgen Hartig, 1981“

Wir werden beim Anblick der Zeichnung direkt in nostalgisch anmutende Kindertage zurückversetzt. Wir sehen den zerkauten und immer dabei gewesenen Teddy, den Klassiker, fast ein „Mr-Bean-Teddy“. Er ist zerlebt, zerbissen, geliebt, vergöttert. Er war der Beschützer und bei Bedarf war er Schuld an allem, er war die erste große Liebe und der stille Begleiter.

Und genau so scheint er auch auszusehen.

„Durch lebhafte und gelebte Linien und Konturen haucht Janssen diesem Teddy mehr Leben ein als er wohl jemals hatte.“

Kleine unscheinbare Ausstülpungen in der Außenkontur werden im Zusammenhang als offene Nähte und verschlissene Stellen wahrgenommen. Alleine betrachtet stellen sie nichts Konkretes dar, es sind kleine Linienausstülpungen!

Es lebe die menschliche Wahrnehmung!

Auf Schraffuren verzichtet Janssen in dieser Zeichnung. Stattdessen füllt er den Kopf und einige Stellen des rechten Armes mit zarten Farbstiftflächen und Verläufen. In diesem Fall ist nicht eine Linie zu sehen. Das macht die Oberfläche des Teddys weich, zart und liebenswert. Die Stofflichkeit ist greifbar.

Der Rest des treuen Begleiters bleibt nicht nur ohne Füllung, sondern selbst die Außenkonturen verschwinden und der untere Teil des Holden scheint abgeschnitten, da er nicht mehr auf das Papier passte.

Der rechte Arm würde eigentlich auch nicht mehr auf das Papier passen, aber an dieser Stelle dürfen wir Janssens innere Flexibilität bewundern. Er war nie an Normen und Direktiven gebunden. Er schuf seine eigene Welt ohne die Gesetze der anderen. Der Arm passt nicht mehr drauf, für Janssen ist er wichtig, also klebt er an dieser Stelle ein Stück Papier an, damit er den Arm unseres Helden komplett zu Ende zeichnen kann.

Auf der rechten Bildseite arbeitet er ähnlich, aber aus einer anderen Motivation heraus. Der Schwerpunkt bzw. die Schwerpunkte der Zeichnung sind eindeutig Kopf und linker Arm aus der Sicht des Betrachters.

Das Papier ist alt und vergilbt, teilweise versehen mit einer altdeutschen schmissigen Handschrift.

Der rechte Arm ist leicht mit Konturen angedeutet. Zusätzlich klebt er genau an dieser Stelle ein anderes Stück Papier als Collage auf, exakt in Armbreite. Damit nimmt dieses Stück Papier den visuellen Gegenpol des ausgezeichneten Arms links ein. Die besondere Raffinesse: Das neue Stück Papier ist heller. Alleine durch diese hellere Note bekommt auch diese Stelle eine besondere Dominanz und damit eine besondere Beachtung durch den Betrachter.

Janssen arbeitet also mit Wertegefügen. Er hat sehr dominante Bereiche, etwas weniger dominante Bereiche, wenig dominante Bereiche, unscheinbarere Bereiche usw. Diese unterschiedlichen Dominanzen verteilt er nach einem inneren Plan. So schauen wir als Betrachter zuerst auf die massiven Bereiche und werden von da aus weitergeführt.

In diesem Fall ist es zuerst der Kopf des Helden und der von uns aus linke Arm mit der Erweiterung des Formates nach unten, dann das rote Band, welches in den Körper führt, die alte Tuschehandschrift als grafische Struktur, der rechte Arm, seine Unterschrift usw. Und natürlich plant er es nicht en Detail.

Seine Zeichnungen sind nicht rational, sondern innig und emotional.

Er lässt die Zeichnung in einem Dialog entstehen. Er trifft spontan Entscheidungen und führt sie aus. Manchmal sind es Millisekündchen, die ihn eine Entscheidung treffen lassen und dann macht er einfach. Und trotzdem ... sind all diese erklärbaren Zusammenhänge vorhanden.


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Wer schreibt hier?

Stephan Geisler ist freischaffender Künstler aus Bochum. Er stellt seine Werke international aus und ist seit 20 Jahren an Kunstakademien als Dozent tätig. E-MailTwitterBlog

Schreibe einen Kommentar! 4 comments

gabi kaltenböck - 13. Juni 2015 Reply

sehr sinnlich geschrieben, ich liebe den teddy schon nach den ersten von geschriebenen zeilen . danke für die tolle beschreibung ! ich werde sie sicher
öfter durchlesen und mit dem bild zusammen erleben.
sonnige grüsse
gabi

    Stephan Geisler - 25. Juni 2015 Reply

    Hallo liebe Gabi – vielen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar. Es werden hoffentlich noch einige Beiträge kommen, in denen Bilder besprochen werden. We findest Du den Blog ansonsten? Vielleicht hast Du Lust uns weiterzuempfehlen! Ganz herzlich Grüße vom langsam wieder sonnig werdenden Bochum in die Berge. – Sei herzlich gedrückt – Stephan

Ute - 1. Juli 2015 Reply

hallo, Stephan

Habe gerade sehr interessiert die Beschreibung zu Dem Teddybild gelesen.
Ich bin eine große Bewunderin von Janssen. mag auch das morbide an seinen Bildern. wenn s auch manchmal sehr destruktiv auf mich wirkt. Es kommt dabei wohl stark seine Zerrissene Persönlichkeit zum Ausdruck.Vielleicht braucht es diese,um so genial zu zeichnen wie dies Janssen konnte. habe schon früher ein paar Janssen Ausstellungen besucht und finde, es gibt kaum einen besseren.

deine Bildbeschreibung fand ich für mich sehr aufschlussreich.

danke dafür. LG Ute

    Stephan Geisler - 2. Juli 2015 Reply

    Hallo Ute, vielen Dank für Deinen Kommentar!
    Ich liebe Janssen auch! Dieser Mann war einfach ein Genius. Und Du hast recht, für mich gab es auch nie wirklich einen besseren. Seine Zeichnungen und sein Leben waren eins!
    Sicherlich haben sich viele Ambitionen bei Künstlern in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Um so überraschter war ich, festzustellen, dass die Zeichnung scheinbar eine Renaissance durchmacht. Ich habe ein wunderbares Buch, in dem ca. 100 verschiedene zeitgenössische Zeichner vorgestellt werden. Ich werde Dir den Titel heraussuchen und Dir zukommen lassen. Geniesse dieses unglaubliche Wetter, auf bald – Stephan

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