Findet mich das Glück? Die Installation von Fischli und Weiss

"Findet Mich Das Glück?"

Wenn man über die Biennale in Venedig bummelt, bleibt es gar nicht aus, dass man sich hier und da einige vergangene Kunstwerke der früheren Biennalen ins Gedächtnis zurückruft oder im eigenen Hirn darüber stolpert. Noch gerne erinnere ich mich an den Eindruck einer Installation vom Schweizer Künstlerpaar Peter Fischli und David Weiss:

Schon müde am Ende eines Tages komme ich in einen sehr großen, offenen, dunklen Raum. An der schwarzen Wand – in meinem Gedächtnis ist sie abgerundet – erscheinen helle weiße Sätze, die mit mehreren Beamern oder Diaprojektoren an die Wand projiziert sind.

„Soll ich eine Waffe kaufen?“

Die Sätze, die alle in einer Handschrift geschrieben sind, sind nicht fest verankert, sondern sie kommen und gehen, sie erscheinen und verschwinden, in einem sanften überlegenden Modus. Man muss sich hinsetzen. Man muss dieses Spiel beobachten. Man muss selbst denken. Man kann sich diesem Spiel nicht entziehen. Man wird vom Passiven zum Akteur.

Bleibt man sitzen, so erkennt man Fragen, die man sich vielleicht selbst schon gestellt hat, wie „Soll ich dieses Stück Schokolade noch essen?“ oder „Wie soll ich dieses Bäumchen schmücken?“, gepaart mit existenziellen Fragen, wie „Steht der Wahnsinn vor der Tür?“ oder

"Soll ich morgen Russland angreifen?"

Spätestens bei der letzten Frage wird klar, es gibt solche, die sind abhängig von bestimmten sozialen Stellungen, gesellschaftlichen Positionen und persönlichem Reflektionsvermögen. Bei der letzten Frage war mir sofort klar, ich würde sie mir niemals stellen können oder wollen. Und dann gibt es Fragen, die stellen wir uns womöglich alle mal, oder doch nur in der westlichen Welt? Oder doch nicht?

"Kann das nicht jemand anderes für mich tun?"

Es sind zwar nur Fragen, aber Fragen bewirken manchmal mehr als Antworten. Vielleicht sollten wir viel öfter Fragen stellen, uns selbst und allen anderen. Banale Fragen, die aufgrund von Fehlplaziertheit verblüffen und dadurch erst recht anregen, über sie nachzudenken. Probiere es aus!

"Ist mein Verdauungssytem etwas Wunderbares?"

Fischli und Weiss sind in ihrem Oeuvre sicherlich Ausnahmekünstler (David Weiss ist 2012 verstorben). Peter Fischli war Absolvent der Academia di Belle Arti in Urbino, während David Weiss an den Kunstgewerbeschulen in Zürich und Basel studierte. Technisch ließen sie sich nie einordnen. Sie beschäftigten sich mit Vielem, Fotografie, Installation, Projektion, Text, Skulptur, Film. Was immer sie für das Erreichen einer Intention für sinnvoll erachteten, wählten sie als Technik aus. Ihre erste gemeinsame Arbeit entstand 1979 und seitdem wurden sie an vielen wichtigen Orten dieser Welt ausgestellt, wie auf der Dokumenta in Kassel, mehrere Male auf der Biennale in Venedig, in der Tate Modern in London, im Louisiana Museum of Modern Art und vielen mehr.

"Soll ich mich gehen lassen?"

Der Walther König-Verlag hat 2007 das Buch „Findet mich das Glück?“ herausgebracht. Ein kleines Büchlein, in dem man viele der Fragen noch einmal nicht nur nachlesen sondern gar nachspüren kann, vier Fragen pro Doppelseite und auch hier weiße Schrift auf schwarzen Grund. Es kann natürlich nicht die Installation von 2003 wiedergeben, aber auch dieses kleine Büchlein regt beim Durchblättern sehr zum Nachdenken an.

 Sehr empfehlenswert!

fischli-weiss-findet-mich-das-glueck-buch

"Darf etwas nicht wahr sein?"

In diesem Sinne Euch allen eine schöne Woche und schaut mal wieder rein!  Euer Stephan

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Wer schreibt hier?

Stephan Geisler ist freischaffender Künstler aus Bochum. Er stellt seine Werke international aus und ist seit 20 Jahren an Kunstakademien als Dozent tätig. E-MailTwitterBlog

Schreibe einen Kommentar! 4 comments

Ute - 17. Juli 2015 Reply

Hallo Stephan,
vielen Dank für diese nzum Nachdenken anregenden Artikel.

Ute Wenzel

    Stephan Geisler - 22. Juli 2015 Reply

    Hallo Ute – was genau regt Dich so sehr zum Nachdenken an? Was beschäftigt Dich an diesem Projekt am meisten? Herzlichst aus Berlin – Stephan

Monika Zybon-Biermann - 21. Juli 2015 Reply

Klar bewiesen: Dumme Fragen gibt’s nicht. Höchstens unüberlegte Antworten.
Dank für die Inspiration,
Monika

    Stephan Geisler - 22. Juli 2015 Reply

    Hallo Monika – vielen Dank für Deine Schlussfolgerung. Damit hast Du wahrscheinlich sehr recht. Habe einen wunderbaren Abend – Stephan

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