Biennale Venedig 2015 – Japanischer Pavillion

Biennale Venedig 2015 – Ein Blick in den japanischen Pavillon

Die Biennale in Venedig ist das älteste „Stelldichein“ der Kunst auf der Welt. Als solches genießt es schon lange eine wohlverdiente internationale Anerkennung. Schließlich ist auch die Beteiligung mit ca. 60 Länderpräsentationen eine internationale.

Auf einem kleinen Bummel möchte ich auf die eine oder andere Arbeit aufmerksam machen und eingehen, ohne dass ich Kunstwissenschaftler bin, sondern mehr aus der Sicht des aufmerksamen Betrachters. Was kann ich wahrnehmen, ohne mindestens 3 Bücher und 27 Abhandlungen über den jeweiligen Künstler gelesen zu haben? Spricht Kunst heute noch für sich selbst? Betreibt sie eine erklärbare Kommunikation oder eine, die eher vage bleibt und auch bleiben möchte?

The Key in the Hand

Bummeln wir doch einmal in den japanischen Pavillon, also ausgerechnet in den, der am meisten in der Presse und Fachpresse erwähnt wird. Und das sicherlich zu recht. Dieser Pavillon ist wirklich überwältigend. 6 Monate lang hat die in Berlin lebende Künstlerin Chiharu Shiota mit einem Team von 7 Leuten 400 km roten Bindfäden verspannt und ... Schlüssel verarbeitet.

Kernstücke der Installation „The Key in the Hand“ sind zwei alte Boote, die auf dem Boden liegen und von denen aus sich die unendlichen roten Fäden durch den Raum ziehen, immer und immer wieder mit tausenden von Schlüsseln bestückt. Die Atmosphäre ist unwirklich. Das vielschichtige Rot dominiert den Raum und legt Assoziationen an eine fremde Welt frei. Überwältigt von dieser Stimmung, von dem Eintauchen in eine fremde Welt wandelt, ja schwebt jeder Besucher durch diesen Raum, nicht wirklich wissend, wie ihm geschieht. Noch extremer sind die Fotos, die man macht, ja machen muss, mit der Idee, diese Welt einzupacken und mitzunehmen.

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Das Ausschnitthafte, das Verschwindenlassen des „Unwichtigen“, die Dosierung des Anteils der Farbe Rot auf dem Foto, der Blickpunkt, den man als Fotograf wählt, die Rollenzuordnung der Boote durch die Veränderung derer Plazierung und und und – all das verstärkt nochmal das Irreale dieses Konzeptes.

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Welcher Sinn verbirgt sich hinter den Schlüsseln?

Aber wir wären nicht deutsch, würden wir nicht irgendwann auch nach dem Sinn des Ganzen fragen. Das nationale Streben zum Rationalen und die damit oft einhergehende Negierung emotionaler Level ist uns einfach zu eigen. Um so verwunderlicher ist es, dass wir uns in diesem Fall diesem Fühlen nicht nur nicht entziehen können, sondern es in der Tat der erste Zugang ist. Aber ohne zu wissen, was genau uns Frau Shiota vermitteln möchte, schauen wir mal, wo es Assoziationsebenen gibt, persönliche wie generelle.

Welche Kommunikationsbausteine haben wir also?

1. Zwei Boote – Boote stehen in direkter Verbindung mit dem Meer, dem Wasser, einem der Urkräfte. Boote symbolisieren aber auch die Bewegung von einem Ort zum anderen, von einem Refugium zum nächsten. Boote setzen sich dieser Urkraft aus, den Gefahren des Meeres. Boote brauchen jemanden, der sie steuert. Boote sind eines der ersten Transportmittel und Boote ermöglichen auch den Fortbestand des Menschen. Denken wir an die fangbaren Fische. Gleichermaßen ist das Meer aber auch Grundlage für Geschichten und Sagen und unwegsamen Tiefen voll von fremdartigen Wesen.

2. Die Schlüssel schließen ab und schließen auf. Eine Tür, die aufgeschlossen wird, kann eine Einladung sein, eine Begegnung, ein Angebot, die Offenbarung eines Geheimnisses und einer anderen Welt. Die Schlüssel, die abschließen, die verschließen, machen also unzugänglich, versperren, schließen aus, sichern und schützen. Nehmen wir die Schlüssel als Metapher, so kann ein Schlüssel für einen Menschen stehen, der sich verschließt oder öffnet, seine Erinnerungen, sein Innerstes, seine Geheimnisse, all das, was ihn ausmacht. Kein Schlüssel gleicht im Grundgedanken dem anderen, jeder Schlüssel ist ein Individuum, genau wie ein jeder Mensch.

3. Die roten Fäden sind fast eine dreidimensionale Zeichnung. Ein undurchdringliches Netz, welches keinen Zugang zulässt, aber gleichermaßen äußerst fragil scheint. Fast scheinen es Nervenbahnen zu sein, oder ein Spinnennetz, eine Verhüllung, die weiterzugehen scheint. Würde man verharren, wäre man womöglich nach einiger Zeit Teil des Ganzen und würde es auf ewig bleiben. Und so richtig weiß man nicht, ob das nicht sogar erstrebenswert wäre.

Mein erster Gedanke war „Boat-People“. Eine Ode, ein Denkmal für all diejenigen, die bei Ihrem Versuch von Afrika nach Europa zu kommen, scheitern, ertrinken und unsere Welt verlassen. Die Installation hat gleichermaßen etwas von totaler Einsamkeit und Behütetsein und Anziehungskraft. Ein längeres Gespräch mit einem der kunstambitionierten Aufpasser ließ mich diese Idee aber rasch aufgeben.

Der zweite Gedanke war der von Erinnerungsräumen und Schicksalen aller Menschen. Jeder ist ein Individuum, jeder hat seine Erinnerungen, Schicksale und Lebensfäden und am Ende sind wir doch alle eins, haben eine Basis, unterliegen einer konkreten wunderbaren Verbindung. Ein tröstender Gedanke, der auch Grundlage der meisten Religionen und spirituellen Konzepte ist. In diesem Raum spüren wir diese Verbindung, wir spüren das Einssein, das Aufgehobensein, die Basis.

Vielleicht ist das der Grund, das kaum jemand diesen Raum verlässt, ohne auf einer tiefen Ebene berührt zu sein. Wenige Künstler schaffen es, den Betrachter dermaßen in ihren Bann zu ziehen. Egal zu welchem Schluss man kommt, man verlässt diesen Raum erfüllt. Für einige ist es besser, nicht zu wissen warum, aber dieses tiefe Gefühl mitzunehmen. Für andere ist es schöner den eigenen Gedanken und Rückschlüssen nachzuhängen. Glückwunsch Frau Chiharu Shiota!

Mehr von der Biennale liest Du in unserem nächsten Blogpost!


Die Kunstausstellung der Biennale in Venedig (Biennale Arte) findet alle zwei Jahre statt. Auf der seit 1895 durchgeführten internationale Ausstellung  stellen 28 Länder in nationalen Pavillons aus, dazu kommen zahlreiche weitere Ausstellungen, die in der Stadt zerstreut sind.

In 2015 läuft die Biennale Arte vom 9. Mai bis 22. November. Hier geht es zur Internetseite: www.labiennale.org/en/art


Warst Du auch schon mal auf der Biennale? Oder hast vor hinzugehen? Hinterlasse gern einen Kommentar!


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Wer schreibt hier?

Stephan Geisler ist freischaffender Künstler aus Bochum. Er stellt seine Werke international aus und ist seit 20 Jahren an Kunstakademien als Dozent tätig. E-MailTwitterBlog

Schreibe einen Kommentar! 8 comments

Ragna zeit-Wolfrum - 23. Juni 2015 Reply

Lieber Stephan, ein wunderbarer Artikel – macht Lust auf mehr, zumal wir Ende August eine Woche auf der Biennale sein werden. Du steigerst unsere schon vorhandene Vorfreude noch um einiges.
Herzliche Grüße
Ragna (Zeit-Wolfrum) aus München
PS: Ich habe doch Deinen newsletter schon bestellt oder etwa nicht??? Dann bitte jetzt unbedingt!

    Stephan Geisler - 25. Juni 2015 Reply

    Hallo Ragna – vielen Dank für Deine wunderbare Reaktion, das bestärkt zu weiteren Artikeln. Die Biennale ist recht aufregend, auch die Dinge am Rande. Diese sind manchmal sogar noch spannender als die Hauptaustragungsorte. Einer meiner kleinen Geheimtips ist unbedingt der Pavillon aus Aserbaidschan. Das war für mich der überraschendste Pavillon. Wenn Dir unser Blog gefällt, empfiehl uns doch gerne weiter. Sei herzlich umarmt – Stephan

Regina Schumachers - 23. Juni 2015 Reply

Hi Stefano, danke für den tollen Artikel! Ich freue mich schon auf weitere! Vielleicht triffst du auch auf Ulrike Rosenbach, Performerin und Schülerin von Beuys. Würde mich sehr interessieren, was sie dort präsentiert!
Liebe Grüße, Regina

    Stephan Geisler - 25. Juni 2015 Reply

    Hallo Regina, lieben Dank für Dein Feedback. Bei all der Fülle in Venedig ist mir zumindest der Name nicht hängengeblieben. Vielleicht habe ich Ihre Arbeit aber trotzdem gesehen. Ich werde Sie mal recherchieren. Was macht die Kunst Mai bella? Wenn Du magst empfiehl uns doch gerne weiter. Sei herzlich gegrüßt – Stephan

brigitte - 27. Juni 2015 Reply

Lieber Stephan,

bei mir dauert es noch ein wenig, bis ich mir dieses Kunstwerk ansehen kann, denn ich liebe die Novemberstimmung in Venedig, habe eine Ferienwohnung gebucht und werde mich dann diesem Kunstgenuss hingeben.
Tolle Sache dieser Blog,

Brigitte

    Stephan Geisler - 2. Juli 2015 Reply

    Hallo Brigitte, vielen Dank für Deinen Kommentar! So umstritten die Biennale jedes Jahr auch zu Recht ist, macht es trotzdem wahnsinnig viel Spaß in der Atmosphäre dieser Stadt „seine“ Kunstwerke zu suchen und zu finden. Freu Dich drauf! Ich hoffe auf bald – Stephan

anne printz - 6. Juli 2015 Reply

Lieber Stephan,

es liegt einige Zeit zurück, seit ich meine letzte Schau in Venedig besucht habe.
Aber Dein Artikel lässt die Bilder und Eindrücke in den Gardini und der
neblig verzauberten Stadt wieder aufleben. Ich hatte spontan den Wunsch
wieder hinzufahren nachdem ich Deinen so informativen Artikel gelesen habe!
Du hast wieder viele spannende Dinge auf den Weg gebracht, Glückwunsch!
Herzlich Anne

    Stephan Geisler - 7. Juli 2015 Reply

    Hallo liebe Anne – Schön von Dir zu hören, es ist schon wieder so lange her – That’s life 🙂
    Venedig ist an sich schon immer wieder genial, besonders aber mit der Biennale. Sie hat meines Erachtens in den letzten 20 Jahren nach und nach immer mehr abgebaut. Man munkelt, es läge auch am Budget. Aber es ist und bleibt der wichtigste internationale Kunstevent und irgendetwas „findet“ man immer. Fröne Deiner Lust und fahre einfach hin. Es ist doch nicht weit! Sei herzlich gegrüßt aus einem sonnigen Bochum – Stephan
    http://www.HOWDOYOUKUNST.de

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